Thieler~scher Korrespondent
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Dissertation zum Thema „Die Arbeit an der 'Volksgemeinschaft'. Politische Zuverlässigkeit und Gesinnungskontrolle in der Herrschaftspraxis des 'Dritten Reichs'“

Ausgehend von den intensiven Debatten um den Zustand und die Zukunft der Weimarer Republik setzte sich während des "Dritten Reiches" der appellative Charakter nationalsozialistischer Politik fort. Damit steigerte sich auch der Grad, mit dem das NS-Regime innerhalb der Bevölkerung politische Zustimmung und auf lange Perspektive die Loyalität der "Volksgenossen" zum NS-Regime erzeugen wollte.

"Volksgemeinschafts"-Konzeptionen, die an das Gefährdungsgefühl breiter Gesellschaftsschichten anknüpften, beeinflussten seit den 20er Jahren die Strategien der politischen Lager. Besonders die NSDAP rekurrierte auf das Fernziel, eine neue völkisch definierte Gemeinschaft unter Ausschluss der jüdischen Bevölkerung bilden zu wollen.

Dass diese "Volksgemeinschaft" jedoch nur ein illusionäres Konstrukt war, das aus spezifischen Motiven angenommen, instrumentalisiert, forciert und radikalisiert wurde, soll durch die Analyse der lokalen Herrschaftsausübung der NSDAP-Kreisleitungen im Gau Süd-Hannover-Braunschweig belegt werden. Im Fokus stehen sowohl die institutionelle Seite nationalsozialistischer Herrschaftsausübung in den lokalen Parteidienststellen als auch die Strategien, mit denen sich einzelne Bevölkerungsgruppen zu den Integrationsangeboten des NS-Regimes verhielten. Das Promotionsprojekt will den bisher zumeist sozialbiographischen Studien über NSDAP-Kreisleiter eine praxeologische Perspektive hinzufügen. Es schließt somit an frühere Analysen des Verhältnisses von "Mitmachen und Hinnehmen" innerhalb der Bevölkerung an und will aus der Sicht der lokalen NSDAP-Gliederungen die Wirksamkeit der "Volksgemeinschafts"-Konzeptionen untersuchen.

Die mit der "Volksgemeinschafts"-Idee intendierte Neuordnung der deutschen Gesellschaft bzw. die Integration weiter Bevölkerungsteile in die NS-Bewegung lässt sich am besten dort analysieren, wo die Prozesse der Selbstpositionierung der "Volksgenossen" auf der einen Seite und auf der anderen das lokale Spielfeld der NSDAP in den Blick geraten.

  • Wie gingen diese Ordnungsprozesse lokal von statten?
  • Welches Ausmaß an Selbstmobilisierung der Bevölkerungsgruppen und an ideologischer Überzeugungsarbeit wäre für die Herstellung dieser "Volksgemeinschaft" notwendig gewesen?
  • Was hat die Kreierung der "Volksgemeinschaft" behindert oder forciert?
  • Bis zu welchem Grad konnten die lokalen NSDAP-Gliederungen die Arbeit an der "Volksgemeinschaft" leisten?
  • Die Inklusion der "Volksgenossen" in die "Volksgemeinschaft" beruhte auf fortdauernden Loyalitätsbeweisen, auf denen das NS-Regime in verschiedenem Maße insistierte und über deren Ausreichen in der Bevölkerung permanente Unsicherheit bestand. Daher stehen in dieser Arbeit nicht der Prozess der gesellschaftlichen Ausgrenzung - insbesondere der jüdischen Bevölkerung - im Vordergrund, sondern die Inklusionsprozeduren innerhalb der als "Volksgemeinschaft" definierten Bevölkerungsmehrheit.

    Die Brüchigkeit des Gemeinschaftsarguments zeigte sich vielen "Volkgenossen" nicht zuletzt im Improvisationscharakter der propagandistischen Großveranstaltungen - im Gau Südhannover-Braunschweig etwa im Rahmen der Reichserntedankfeste am Bückeberg.

    Zwischen der Propaganda der "Volksgemeinschaft" und den Modalitäten der Umsetzung dieser Utopie stand der einzelne "Volksgenosse", der zwar auch der Suggestionskraft eines neuen gesellschaftlichen Zusammenhalts ausgesetzt war, vor allem aber den individuellen Nutzen und die dafür nötigen Loyalitätsbekundungen registrierte.

    Die lokalen NSDAP-Gliederungen kontrollierten die äußeren Zeichen von Systemloyalität mit Hilfe diverser Karteien, die über die Mitgliedschaften in NS-Organisationen und die Spendenbereitschaft Auskunft gaben. Die zumeist unbezahlten Funktionäre der unteren Parteiebenen sorgten trotz häufiger Überlastung zu einem nicht geringen Grad dafür, mittels der Etablierung einer breit gefächerten und in Teilen ineffektiven Parteibürokratie loyales Verhalten zu erzeugen. Dieses war zu einem Großteil der bloßen Existenz dieser Apparate geschuldet und nicht ihrer Effizienz.

    Dass die Systemloyalität der "Volksgenossen" nicht grundsätzlich Einverständnis und offene Unterstützung bedeuten musste, zeigte sich schon bald nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, deren langjährige Aktivisten den neuen Mitgliedern mit Misstrauen bezüglich ihrer Motive gegenüber standen.

    Die Fähigkeit, die Anforderungen und Spielregeln des NS-Regimes zu interpretieren, variierte: der einfache Arbeiter und Empfänger einer Kinderbeihilfe besaß weniger Einblicke in die Arbeitsweise der Kreisleitungen als der städtische Beamte, der sich auch beruflich mit den politischen Leitern der NSDAP auseinandersetzen musste. Die Eröffnung neuer Aufstiegsmöglichkeiten konstituierte jedoch nicht eine konsensuale "Volksgemeinschaft", sondern band den einzelnen Menschen in ein Netz von Abhängigkeiten und Zwangsloyalitäten mit durchscheinender Gewaltandrohung.

    Der "Volkgenosse" konnte durch seine Loyalitätsbeweise vom NS-Regime profitieren und verdeckte durch seinen Beitrag zur Gemeinschaftsutopie die Brüche und Diskrepanzen des Alltags in der nationalsozialistischen Gesellschaft.

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